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Werden wir allergisch gegen das 21. Jahrhundert?

4. Dezember 2018

Wie lässt sich unsere zunehmend städtische Lebensweise angesichts steigender Allergieraten mit den Anforderungen an unsere Gesundheitsfürsorge vereinbaren?

Wir leben zunehmend in Städten. Im Jahr 1950 lebten weltweit 751 Millionen Menschen in Stadtgebieten. Heute liegt diese Zahl bei 4,2 Milliarden. Bis 2050 werden 68 % der Weltbevölkerung in Städten leben. Diese explosionsartige Zunahme der Bevölkerungszahlen in dicht besiedelten, industrialisierten Gegenden fällt mit einem enormen Anstieg der Inzidenzraten von Allergien zusammen – insbesondere solchen, die durch die Atemluft hervorgerufen werden.

Die Weltgesundheitsorganisation zählt derzeit 235 Millionen Asthmatiker weltweit1. Haben wir ein Umfeld geschaffen, mit dem wir nicht mehr zurechtkommen? Sind wir allergisch gegen das 21. Jahrhundert geworden? Falls dem so ist: Was sollen wir dagegen tun?

Infografik mit der Zunahme der Stadtbevölkerung von 751 Millionen im Jahr 1950 auf prognostizierte 6,7 Milliarden im Jahr 2050

Unsere städtische Lebensweise begünstigt Allergieraten

Laut der World Allergy Organization (WAO) hat sich das Auftreten von Allergien in den letzten 50 Jahren2 intensiviert und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich diese Entwicklung verlangsamt. Die Sensibilisierungsraten für ein oder mehrere häufig vorkommende Allergene gehen bei Schulkindern auf 50 % zu3. Und bis 2025 geht man davon aus, dass über die Hälfte der EU-Bevölkerung4 in irgendeiner Form an einer Allergie leidet.

Die Umstände einer modernen, städtischen, industrialisierten Lebensweise begünstigen diese Entwicklungen5. Schadstoffe in der Luft verursachen allergische Reaktionen – und je mehr Partikel es gibt, desto mehr leiden die Allergiker. Es gibt nicht weniger als 200 verschiedene Arten von Allergenen in der Atemluft. Dazu kommen andere Reizstoffe wie Benzin und Ozon, die allergische Reaktionen verursachen oder ihre Wirkung verstärken können.

Beispielsweise hat eine Studie6 ergeben, dass Kinder, die im Umkreis von 50 Metern einer vielbefahrenen Straße wohnen, mit höherer Wahrscheinlichkeit an einer Überempfindlichkeitsreaktion wie einer Allergie oder Asthma erkranken. Bodennahes Ozon, das sich aus dem Gemisch von Dieselemissionen mit Substanzen ergibt, die als flüchtige organische Verbindungen (VOC) bekannt sind, kann Smog erzeugen, der Asthmasymptome verschlimmert.

Doch was können wir dagegen tun, wenn wir allem Anschein nach allergisch gegen die von uns errichtete Welt werden?

Infografik mit Allergieraten weltweit

Aufatmen: Was können wir gegen Atemwegsallergien tun?

Auch wenn Bemühungen eingeleitet wurden, die städtische Luftverschmutzung einzudämmen, wird damit gerechnet, dass die Zahl der Atemwegsallergiker in naher Zukunft weiter ansteigen wird. Die gute Nachricht: Wir können etwas gegen das Ausmaß der Symptome und ihre Häufigkeit tun.

  • Unterstützung für die Erkrankten: Allergiker können sich im Alltag medikamentös und durch Veränderungen ihrer Lebensweise helfen. Moderne Antihistaminika können Allergiesymptome lindern, ohne den Betroffenen müde zu machen. Neue Apps können die Luftqualität und den Belastungsgrad überwachen, damit Allergiker ihren Alltag entsprechend anpassen und so ihr persönliches Risiko vermindern. Auch mittels Luftreinigern kann die Schadstoffbelastung in Innenräumen reduziert werden.
  • Eine ganzheitlicher, harmonisierter Ansatz für die öffentliche Gesundheit: Das Lösen weitreichender Gesundheitsprobleme erfordert einen zwischen Regierungen, NGOs, medizinischen Fachkräften und der Öffentlichkeit im Allgemeinen abgestimmten Ansatz. Das Finnish Allergy Programme (2008–2018) verfolgte beispielsweise einen ganzheitlichen Ansatz bei der Allergieprävention. Der Schwerpunkt lag hierbei auf einer Erhöhung der Toleranz gegen Allergene in der Bevölkerung, einer Verbesserung der Allergiediagnostik, einer Senkung berufsbedingter Allergien und einer Minimierung der durch Allergien verursachten Kosten für das Gesundheitswesen. Es war ein riesiger Erfolg: In den ersten fünf Jahren wurde die Zahl und Länge asthmabedingter Krankenhausaufenthalte halbiert. Berufsbedingte Allergien nahmen um 40 % ab.
  • Aktuelle medizinische Forschung nutzbar machen: Der radikalste Ansatz zur Linderung von Atemwegsallergien findet auf mikroskopischer Ebene statt. Zwei Bereiche, in denen sich Wissenschaftler bahnbrechende Behandlungen versprechen, sind die Geneditierung und nützliche Darmbakterien. Geneditierung mit Techniken wie CRISPR/Cas9 könnte es Wissenschaftlern ermöglichen, im Geninneren die Mechanismen abzuschalten, die allergische Reaktionen steuern. Dies ist zwar bereits bei bestimmten Allergien in Mäusen gelungen7, für den Menschen aber noch Zukunftsmusik und wird höchstwahrscheinlich eher für Asthma eingesetzt werden. Gleichzeitig untersuchen Wissenschaftler in Kanada, wie bestimmte Darmbakterien unsere Immunreaktionen beeinflussen und sich daher auf unsere Anfälligkeit für Asthma und Allergien auswirken können. Sie sind der Meinung, dass mit der richtigen mikrobiologischen Diagnostik und Therapie die Entstehung von Asthma und Allergien verhindert werden kann.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Allergien der Preis sind, den wir für unsere moderne städtische Lebensweise zahlen müssen. Aber das muss nicht sein. Wenn wir andere Wege finden, um sie zu diagnostizieren, zu bewältigen und zu behandeln, müssen wir nicht hinnehmen, dass wir allergisch gegen das 21. Jahrhundert werden.

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