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Die Frauen, die den Weg zur Pille ebneten

7. Mai 2019

Die Empfängnisverhütung für Frauen hat die Welt verändert – Margaret Sanger und Katharine Dexter McCormick kämpften für ihre Verwirklichung.

Als 200 führende Historiker darüber diskutierten, was im 20. Jh. den größten Einfluss auf die Gesellschaft hatte, kamen sie zu dem Schluss, dass es nicht Einsteins Relativitätstheorie, nicht die Atombombe und auch nicht die Macht von Computern oder des Internets war, sondern die Antibabypille.

Weil Frauen entscheiden können, ob und wann sie Kinder haben wollen, hat „die Pille“ unsere Vorstellungen von Familie – und damit die Rolle der Frau in der Gesellschaft – neu definiert. Da sie mit der Pille mehr Kontrolle über ihren Körper erlangten, markiert sie nicht nur den Beginn der sexuellen Revolution und des modernen Feminismus, sondern hat auch erhebliche Auswirkungen auf Müttergesundheit und Kindersterblichkeit.

Und der Einsatz, die Entschlossenheit sowie die unerschütterliche Überzeugung zweier bemerkenswerter Frauen, Margaret Sanger und Katharine Dexter McCormick, spielte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Pille.

Von persönlicher Tragödie zu gesellschaftlicher Revolution

„Du bist schuld. Mutter ist gestorben, weil sie zu viele Kinder bekommen hat.“ Das sagte die 19-jährige Margaret Higgins 1899 bei der Beerdigung ihrer Mutter zu ihrem Vater. Geboren wurde Margaret 1879 als sechstes von elf Kindern einer streng katholischen irisch-amerikanischen Familie in New York. Im Leben der Mutter hatte sie eine Tragödie des Elends und der Krankheit miterlebt, die durch die Belastungen einer Großfamilie verursacht wurde.

Es gab keine offensichtliche Abhilfe. Verhütungsmittel für Frauen fehlten und dank der damaligen „guten Sitten“ durch die 1873 in Kraft getretenen Comstock-Gesetze konnte alleine das Sprechen über sexuelle Gesundheit strafrechtlich verfolgt werden. Margaret beschloss, etwas dagegen zu tun.

„Frauen brauchen eine Verhütungspille, die sich so einfach wie Aspirin einnehmen lässt.“

– Margaret Sanger

Den Blickwinkel ändern

Kurz nach dem Tod ihrer Mutter wurde Margaret Krankenschwester und heiratete den Architekten und politisch radikalen William Sanger. 1912 begann sie in New York eine regelmäßig erscheinende Zeitungskolumne namens „What every girl should know“ (Was jedes Mädchen wissen sollte) zu verfassen. Hier klärte sie Frauen über den Menstruationszyklus und die Reproduktionsgesundheit auf und trat offen für die Fortpflanzungsrechte von Frauen ein. Manche ihrer Kolumnen wurden jedoch aufgrund der Comstock-Gesetze verboten, da sie die Wörter „Syphilis“ und „Gonorrhö“ enthielten.

Zwei Jahre später, 1914, rief sie „The Woman Rebel“ (Die Rebellin) ins Leben – eine radikale Zeitschrift, in der sie geltend machte, dass jede Frau das Recht dazu habe, die „absolute Herrin über ihren eigenen Körper“ zu sein. Im Jahr 1916 veröffentlichte sie nicht nur eine Sammlung ihrer Kolumnen in Buchform, sondern richtete auch eine Praxis ein, in der sich Frauen zum Thema Fortpflanzung informieren und ein Diaphragma anpassen lassen konnten. In den ersten neun Tagen nach ihrer Eröffnung besuchten über 400 Frauen die Praxis.

Da Sanger und ihre Mitarbeiterinnen durch ihre Arbeit weiterhin mit dem Gesetz in Konflikt kamen, begannen sie, für Gesetzesänderungen einzutreten. In einer Reihe von Gerichtsverfahren erkämpfte Sanger für Frauen das Recht auf Zugang zu Informationen über die Empfängnisverhütung. Währenddessen vergrößerte sie auch die ursprüngliche Praxis zu einem Netzwerk aus Zentren für Frauengesundheit, von denen es 1920 25 gab. Dieses Netzwerk bildete letztlich das Fundament für moderne Einrichtungen wie Planned Parenthood.

Doch Sangers Rolle beschränkte sich nicht nur auf die Fürsprache im gesellschaftlichen Bereich: Sie hatte auch direkten Einfluss auf die Entwicklung der Antibabypille selbst.

Die Finanzierung der Pille

„Frauen brauchen eine Verhütungspille, die sich so einfach wie Aspirin einnehmen lässt“, so Sanger, die das Leid von Frauen unter der Last einer Großfamilie mit eigenen Augen erlebt hatte. Ihr schwebtet eine wirksame, sichere Methode zur Empfängnisverhütung vor, um die Zahl der ungewollten Schwangerschaften und die oft damit einhergehenden Probleme zu vermindern. Diese Vision teilten viele Frauen, insbesondere Katharine Dexter McCormick.

Seit ihrem Biologiestudium am MIT trat Dexter McCormick aktiv für die Rechte der Frauen ein. 1904 heiratete sie Stanley Robert McCormick, den Erben des International Harvester-Vermögens. Leider wurde bei ihrem Ehemann nur zwei Jahre später Schizophrenie diagnostiziert. 1909 erklärte man ihn für geschäftsunfähig. Danach konzentrierte sich Dexter McCormick auf die Unterstützung philanthropischer Projekte.

Sie lernte Sanger 1917 kennen und die beiden arbeiteten gemeinsam an der Legalisierung der Empfängnisverhütung in den USA. Dazu gehörte auch, dass McCormick Diaphragmen von Europa in Sangers Praxen in den USA schmuggelte. Doch es dauerte noch bis 1950, als Sanger den amerikanischen Physiologen Dr. Gregory Pincus – eine führende Autorität im Bereich Fortpflanzungsbiologie – kennenlernte, bis ihre Vision von einer anwendungsfreundlichen Verhütungspille Wirklichkeit wurde.

Sanger fragte Pincus, wie viel die Entwicklung einer wirksamen oralen Empfängnisverhütung kosten würde. Er schätzte, dass zu Anfang mindestens 125.000 USD benötigt würden. Sanger wandte sich an McCormick, die nicht nur das Unterfangen finanzierte, sondern mit ihrem wissenschaftlichen Hintergrund die Forschungsentwicklung auch eng mitverfolgte. Insgesamt stellte McCormick 2 Millionen USD bereit, um die Arbeit von Pincus und seinen Kollegen zu unterstützen.

Im Jahr 1960 genehmigt die FDA die erste orale Verhütungspille und 1966 legalisiert der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Geburtenkontrolle für Ehepaare.

Die Pille wird Wirklichkeit

Tatsächlich reichen die Wurzeln der Pille bis ins Jahr 1921 zurück, als der österreichische Physiologe Ludwig Haberlandt zeigte, dass die Menstruation von zentral in Gehirn und Eierstöcken produzierten Hormonen gesteuert wird. Im Jahr 1929 gelang es dem Biochemiker Adolf Butenandt, das erste weibliche Sexualhormon Estron zu isolieren. 1938 entwickelten Hans Inhoffen und Walter Hohlweg das Ethinylestradiol, das erste oral aktive Östrogen weltweit.

Diese Entdeckungen waren entscheidend für die Arbeit von Pincus und seinem Team sowie die eines Zeitgenossen: Carl Djerassi. Im Jahr 1951 synthetisierte Djerassi Norethisteron, das erste künstliche, oral aktive Progestogen. Pincus und sein Kollege Dr. Min Chueh Chang belegten danach erfolgreich die Wirkung bei Tieren. 1956 führten sie dann zusammen mit dem Harvard-Gynäkologen Dr. John Rock die ersten Versuche am Menschen durch.

Letztlich dauerte es bis 1960, bis die FDA die erste Antibabypille genehmigte. Ihre Markteinführung stieß bei denen auf Entrüstung, die meinten, sie würde traditionelle Werte untergraben. Doch ihre Verbreitung war unaufhaltbar.

Infografik zur empfängnisverhütenden Funktionsweise von Hormonen
Infografik zur empfängnisverhütenden Funktionsweise von Hormonen

Ein weitreichendes Vermächtnis

Margaret Sanger starb 1966, nur wenige Monate, nachdem der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Geburtenkontrolle für Ehepaare legalisierte. Doch die bahnbrechende Arbeit, die Sanger und McCormick begannen, hat bis heute weitreichende Auswirkungen. 2017 nutzten weltweit 63 % der verheirateten bzw. in einer Partnerschaft lebenden Frauen ein Verhütungsmittel.

Mittlerweile gibt es viele verschiedene Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung, darunter Hormonpillen, Implantate, Injektionen und Intrauterinpessare, je nach den Bedürfnissen und dem Lebensstil der Frau. Doch wie schon zu Sangers und McCormicks Zeiten, bleibt viel zu tun: Die Zahl der ungewollten Schwangerschaften ist mit 40 % weltweit noch immer hoch. Zur Empfängnisverhütung gibt es noch immer viele Mythen, Fehleinschätzungen und Fehlinformationen. Ist beispielsweise der Unterschied zwischen dem typischen und dem optimalen Einsatz effektiver Verhütung unklar, verwendet eine Frau unter Umständen nicht die für sie am besten geeignete Methode.

Frauen Zugang zur Familienplanung zu ermöglichen, ist und bleibt heute so wichtig wie in der Zeit, als Sanger so intensiv für Veränderungen kämpfte. Wissen ist Macht und der Schlüssel zu zuverlässiger Familienplanung.

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