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Hämophilie – bald schon eine heilbare Krankheit?

30. August 2019

Die enormen Weiterentwicklungen der letzten 50 Jahre in der Therapie der Hämophilie, ermöglichen Patienten heute ein aktives Leben. Neue/zukünftige Therapieansätze könnten die Erkrankung für immer verändern.

Vor 100 Jahren lag die mittlere Lebenserwartung eines Patienten mit einer Blutungsstörung bei nur 13 Jahren1. Noch in den 1960er Jahren betrug sie nur 30 Jahre. Heutzutage kann ein Kind mit derselben Erkrankung ein erfülltes und aktives Leben führen.

Die Fortschritte bei den Behandlungsmethoden für Hämophilie in den letzten 50 Jahren haben das Leben der Betroffenen von Grund auf verändert. Sie haben aus einem angeborenen Todesurteil eine Krankheit gemacht, die erfolgreich zu Hause behandelt werden kann.

Und was wird die Zukunft bringen? Hochmoderne gentechnische Methoden könnten zukünftig, noch einen Schritt weiter gehen. So weit, dass vielleicht nur noch eine einzige Behandlung zur Heilung einer Erkrankung erforderlich ist, die bisher eine lebenslange Belastung darstellte.

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Hämophilie behandeln

Hämophilie ist eine Erbkrankheit, bei der nicht ausreichend Blutgerinnungsfaktoren produziert werden um Blutungen zu stoppen2. Bei einer Schnittwunde sorgt eine Kaskade dieser Faktoren für eine Reihe von Reaktionen, die das Blut gerinnen lassen. Wie bei Dominosteinen gilt auch hier: Fehlt einer dieser Faktoren, läuft die Kaskade nicht ab und das Blut gerinnt nicht richtig.

Den Großteil des 20. Jahrhundert waren Wissenschaftler nicht in der Lage, diese Faktoren herzustellen. Die Patienten waren auf Transfusionen von Blutplasma von Spendern angewiesen.

1965 entwickelte Dr. Judith Graham Pool eine Technik namens Kryopräzipitation3: Gefrorenes Blutplasma wird aufgetaut und ein Faktor-VIII-reiches Präzipitat wird gesammelt und eingelagert. Dadurch wurde erheblich weniger Blutvolumen benötigt. In den 1970ern und 80ern wurden weitere Methoden entwickelt, um den Gerinnungsfaktor stärker zu konzentrieren und das Volumen zu reduzieren. So wurde es möglich, Faktorprodukte zur Selbstinjektion zu Hause aufzubewahren und zu verwenden.

Diese Behandlungen wurden häufig „bei Bedarf“ angewandt, als Reaktion auf eine Blutung. Die Einführung rekombinanter Gerinnungsfaktoren in den 1990ern4, war ein weiterer Fortschritt. Durch das erfolgreiche Klonen des Faktor-VIII-Gens kann das Protein unabhängig von Plasmaspenden produziert werden. Heutzutage injizieren sich die Patienten den Gerinnungsfaktor meist vorbeugend, also zur Prophylaxe.


Die Blutgerinnung ist wie ein Dominoeffekt – wir brauchen eine Reihe von Gerinnungsfaktoren, um eine Blutung zu stillen.

Leben mit Hämophilie heute

Was bedeutet das heute für jemanden, der an Hämophilie leidet? Wenn man an Hämophilie denkt, stellt man sich oft vor, dass der Betroffene ein sehr vorsichtiges und risikoarmes Leben führen muss. Doch weit gefehlt. Mit Hämophilie zu leben und behandelt zu werden, bedeutet nicht, dass man in Watte gepackt wird und in der ständigen Angst lebt, sich eine Schnittwunde zuzufügen. Erkrankte, die eine Prophylaxe erhalten, führen ein fast ganz normales Leben.

„Jedes Mal, wenn man sich schneidet oder einen Stoß an den Arm oder das Bein erhält, ist das eine Muskel- oder Hautblutung, die wieder heilt. Viele Menschen glauben, dass jede Blutung ein Problem darstellt. Dem ist aber nicht so. Es sind die inneren Blutungen, die Langzeitschäden verursachen können“, so Dakota J. Rosenfelt, PharmD, CEO von HemoTool und Patientenvertreter.

„Dafür zu sorgen, dass man gesund und aktiv ist, spielt tatsächlich eine wichtige Rolle. Man muss sicherstellen, dass die Gelenke abgefedert sind. Je mehr Muskeln man um die Gelenke herum hat, desto besser. Außerdem verbessert es die Sichtbarkeit der Venen und vereinfacht somit auch die Behandlung.“

Hämophiliepatienten wie Dakota injizieren ihre rekombinanten Faktoren in der Regel mehrmals pro Woche, damit sie im Falle eines Unfalls genug Faktor VIII im Blut haben.


Die Genom-Editierung, bei der ein Stück DNA herausgeschnitten und durch ein fehlerfreies Gen ersetzt wird.

Eine Zukunft ohne Spritzen?

Was wäre, wenn häufiges Spritzen erheblich reduziert würde? Was wäre, wenn statt das Protein zugeführt das fehlerfreie Gen eingebaut würde?

Der Schlüssel dazu liegt möglicherweise in bahnbrechenden gentechnischen Methoden. Unter den Ansätzen, die aktuell entwickelt werden, gibt es die vektorbasierte Gentherapie und Genom-Editierung5.

Bei der vektorbasierten Gentherapie, wie sie derzeit von Ultragenyx und Bayer entwickelt wird, wird ein intaktes Faktor-VIII-Gen durch eine nicht schädliche „Virenhülle“ in Leberzellen eingeführt. Das Gen würde neben dem fehlerhaften Gegenstück existieren und die Leber des Patienten in die Lage versetzen, den Faktor VIII in der nötigen Menge herzustellen.

Bei der Genom-Editierung wollen die Forscher, die fehlerhafte DNA-Sequenz im Genom des Patienten durch ein neues fehlerfreies Segment ersetzen. Dazu verwenden sie eine „Genschere“, also eine Methode zum präzisen Herausschneiden von DNA. Das bei der Geneditierung wegweisende Unternehmen Casebia Therapeutics verwendet beispielsweise CRISPR-Cas9, um die DNA an einer festgelegten Stelle zu schneiden und das fehlerfreie Faktor-VIII-Gen einzusetzen.

Diese Techniken sind sehr vielversprechend und könnten zukünftig einen Patienten potenziell mit einer einzigen Behandlung dauerhaft heilen. Doch es wird noch eine Weile dauern, bis dies Wirklichkeit wird. In der Zwischenzeit helfen die beeindruckenden Fortschritte der letzten 50 Jahre den Hämophiliepatienten jeden Tag, glücklich und weitgehend gesund zu leben.

Fußnoten

  1. History of Bleeding Disorders, National Hemophilia Foundation, https://www.hemophilia.org/Bleeding-Disorders/History-of-Bleeding-Disor…
  2. Fast Facts: About Bleeding Disorders, National Hemophilia Foundation, https://www.hemophilia.org/About-Us/Fast-Facts
  3. Nascimento, B., et al. Cryoprecipitate therapy, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4627369/
  4. Hemophilia: From Plasma to Recombinant Factors, American Society of Hematology, https://www.hematology.org/About/History/50-Years/1524.aspx
  5. New Therapeutic Approaches for Hereditary Diseases, Bayer Research Magazine, https://www.research.bayer.com/en/hemophilia-new-therapeutic-approaches…
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