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Herzerkrankungen: Ein Männerproblem?

14. Mai 2018

Frühe männerzentrierte Studien suggerierten, dass Herzkrankheiten ein Männerproblem sind, obwohl sie in Wahrheit die Todesursache Nr. 1 bei Frauen darstellen.

Mitte des 20. Jahrhunderts hatten sich Herzkrankheiten weltweit als eine der häufigsten Todesursachen etabliert und die Forschung stand unter Druck, den Ursachen des Leidens auf den Grund zu gehen.

1950 schloss sich eine Gruppe von Ärzten zur International Society of Cardiology (ISC) zusammen, um der Forschung zu dem Thema Starthilfe zu geben und Erkenntnisse grenzübergreifend zu teilen. Die ISC führte Studien zu jungen Soldaten durch, die während des Gründungsjahrs der ISC im Koreakrieg getötet wurden. Die Ergebnisse schockierten die Medizinwelt, da sie ans Tageslicht brachten, dass Herzerkrankungen beim Menschen viel früher beginnen, als man bislang vermutet hatte.

Die Erkenntnisse zu den Herzerkrankungen der jungen Soldaten waren alarmierend; die frühe Forschung deckte jedoch auch mögliche Vorsorgemaßnahmen auf. Kurz nach der Gründung der ISC veröffentlichte zum Beispiel der amerikanische Arzt Lawrence Craven einen Artikel darüber, dass Männer, die regelmäßig Acetylsalicylsäure einnahmen, seltener einen Herzinfarkt erlitten.

Cravens Arbeit und die Erkenntnisse aus dem Koreakrieg waren bahnbrechend, doch zeigten beide einen für die damalige Zeit typischen Mangel: An keiner der Studien hatten Frauen teilgenommen.

Da Frauen häufig von hochkarätiger Herzforschung ausgeschlossen waren, wurde die Krankheit in der breiten Öffentlichkeit eher mit Männern in Verbindung gebracht. Selbst wenn bei frühen Studien zu Herzkrankheiten viele Frauen teilgenommen hatten, so beleuchteten die Daten oft nur die Risikofaktoren, die traditionell mit Männern assoziiert werden. Ein besonders groß angelegtes Forschungsprojekt war die Framingham-Studie, in der eine Gruppe von Männern und Frauen beobachtet wurde, um die Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen festzustellen. Die bekannteste Erkenntnis daraus war, dass Herzprobleme mit dem Rauchen in Verbindung gebracht wurden. Als man die Daten 1960 veröffentlichte, waren fast doppelt so viele1 Männer aktive Raucher wie Frauen. So verfestigte sich die Annahme, dass stereotypisches männliches Verhalten zu Herzerkrankungen führt.

Das grundlegende Missverständnis über Herzerkrankungen

Die frühen Studien zu Herzkrankheiten bestätigten den Mythos, dass Männer häufiger an Herzerkrankungen leiden als Frauen. In Wahrheit ist es so, dass Frauen vergleichbar häufig an Herzerkrankungen leiden wie Männer, wobei es bei Frauen weniger wahrscheinlich ist, dass sie die Gefahr erkennen. Obwohl die Erkrankung derzeit weltweit eine der häufigsten Todesursachen bei Frauen ist, gaben in einer vor Kurzem durchgeführten Umfrage nur 13 %2 an, Herzkrankheiten seien ihr größtes persönliches Gesundheitsrisiko.

Die Unkenntnis der Risiken verstärkt die Gefahr – denn die effektivste Möglichkeit zur Bekämpfung von Herzerkrankungen besteht darin, dass man die Risikofaktoren rechtzeitig erkennt und wirksam behandelt.

 

GIF zeigt ein schlagendes Herz

Auch wenn Herzkrankheiten nach wie vor die häufigste Todesursache bei Männern und Frauen sind, ist die Sterblichkeit in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Ländern drastisch zurückgegangen. In Deutschland konnte die Sterblichkeit durch Herzerkrankungen seit 1960 halbiert werden3, während die Zahl der entsprechenden Todesfälle in den USA zwischen 1950 und Ende des Jahrhunderts sogar um fast 60 %4 sank. In anderen Ländern konnte die Sterblichkeit in einem noch kürzeren Zeitraum eingedämmt werden. Argentinien gelang es in nur 15 Jahren5, die Anzahl seiner Herztoten um 50 % zu reduzieren.

Diese dramatischen Verbesserungen lassen sich durch eine Reihe von Faktoren erklären – unter anderem öffentliche Kampagnen zur gesundheitlichen Aufklärung, die darauf abzielen, häufige Risikofaktoren zu bekämpfen. Wissenschaftler konnten neben dem Rauchen zahlreiche Verhaltensweisen ausfindig machen, die Herzerkrankungen ebenfalls begünstigen, wie Übergewicht, mangelnde Bewegung, die Ernährung mit einem hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren, sowie Alkoholmissbrauch. Man ist auch dazu übergegangen, weniger nur zu beobachten und stattdessen mehr einzugreifen. Ausgehend von Cravens damaligen Erkenntnissen verordnen Ärzte heute eine Vielzahl von Therapien – von der Einnahme von Blutdruck- und Cholesterinsenkern bis hin zur operativen Versorgung mit Stents, die die Blutversorgung des Herzens verbessern können.

Risiken (fehl)einschätzen

Leider weisen Studienergebnisse darauf hin, dass viele Frauen ihr Risiko für eine Herzerkrankung nicht als hoch einschätzen und sich daher eher nicht mit den Risikofaktoren befassen. Das könnte der Grund sein, warum in den vergangenen Jahren bei älteren Frauen ein weniger deutlicher Rückgang der Herzerkrankungen zu beobachten war als bei älteren Männern.

Außerdem gibt es eine Fülle von Erkrankungen, die speziell Frauen betreffen und ebenfalls das Risiko für eine Herzkrankheit erhöhen:

  • Frauen, bei denen in der Schwangerschaft Diabetes und Bluthochdruck diagnostiziert werden, leiden häufiger an Herz-Kreislauf-Problemen.
  • Frauen, die bereits vor einem Alter von 45 die Menopause durchleben, haben ein bis zu 50 %6 höheres Risiko, an Herzproblemen zu erkranken.
  • Endometriose – eine Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut sehr ähnlich ist, auch außerhalb der Gebärmutterhöhle im Körper gefunden wird – kann das Risiko einer Herzerkrankung um bis zu 400 %7 erhöhen.

Im Vergleich zu Männern entwickeln Frauen auch häufig andere und weniger auffällige Symptome von Herzerkrankungen. Beispielsweise spüren bei einem Herzinfarkt sowohl Männer als auch Frauen beklemmende Brustschmerzen; bei Frauen treten aber mit höherer Wahrscheinlichkeit auch Symptome wie Übelkeit, Kurzatmigkeit, Nacken-, Rücken- oder Kieferschmerzen auf.

Wenn sich Frauen ihrem hohen Herzkrankheitsrisiko nicht bewusst sind und diese weniger bekannten Symptome nicht richtig deuten, ist es weniger wahrscheinlich, dass sie sich bei einem Herzinfarkt rechtzeitig an einen Arzt wenden.

Nehmen Sie es persönlich

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Aktuelle Umfragen lassen darauf schließen, dass Aufklärungskampagnen mit dem Missverständnis aufräumen, dass nur Männer von Herzleiden betroffen sind. Bei Umfragen, die zwischen 1997 und 2012 mit Frauen durchgeführt wurden, stieg der Prozentsatz der Befragten, die Herzerkrankungen als die häufigste Todesursache bei Frauen erkannten, von 30 % auf 56 %8.

Die Daten zeigen jedoch, dass auch Frauen, die Herzleiden als ernsthafte Erkrankungen wahrnehmen, ihr persönliches Risiko nur schwer beurteilen können. Bei einer Umfrage unter Frauen, die sich bewusst waren, dass Herzerkrankungen eine der Haupttodesursachen bei Frauen sind, sah sich weniger als die Hälfte der Befragten selbst gefährdet, obwohl sie signifikante Risikofaktoren hatten.

Diese Diskrepanz ist besonders problematisch, wenn man bedenkt, dass Ärzten heute eine Vielzahl an modernen Therapien zur wirksamen Behandlung von Herzerkrankungen zur Verfügung stehen. Seit den Studien in der Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Forschung ein großes Stück weitergekommen. Frauen machen etwa die Hälfte aller Herz-Kreislauf-bedingten Todesfälle aus. Daher können sie in besonders hohem Maß von modernen Behandlungsmethoden profitieren. Damit Frauen die neuesten Erkenntnisse in vollem Umfang zu Gute kommen, muss der Mythos aus dem Weg geräumt werden, dass Herzerkrankungen ein Männerproblem sind, und die spezifischen Symptome, unter denen Frauen leiden, bekannter werden.

Fußnoten

  1. Achievements in Public Health, 1900-1999: Tobacco Use - United States, 1900-1999, U.S. Centers for Disease Control, https://www.cdc.gov/mmwr/preview/mmwrhtml/mm4843a2.htm
  2. Gender matters: Heart disease risk in women, Harvard University Health Publishing, https://www.health.harvard.edu/heart-health/gender-matters-heart-diseas…
  3. Cardiovascular Disease and Diabetes: Policies for Better Health and Quality of Care, OECD, http://dx.doi.org/10.1787/9789264233010-en
  4. Decline in Deaths from Heart Disease and Stroke - United States, 1900-1999, U.S. Centers for Disease Control, https://www.cdc.gov/mmwr/preview/mmwrhtml/mm4830a1.htm
  5. Argentina heart attack death rate nearly halved over 15 years, European Society of Cardiology, https://www.escardio.org/The-ESC/Press-Office/Press-releases/Argentina-…
  6. Muka, T. et al. Association of Age at Onset of Menopause and Time Since Onset of Menopause With Cardiovascular Outcomes, Intermediate Vascular Traits, and All-Cause Mortality, Journal of the American Medical Association, https://jamanetwork.com/journals/jamacardiology/fullarticle/2551981
  7. Women or Men — Who Has a Higher Risk of Heart Attack, Cleveland Clinic, https://health.clevelandclinic.org/2017/02/women-men-higher-risk-heart-…
  8. Mosca, L. et al. Fifteen-Year Trends in Awareness of Heart Disease in Women, American Heart Association, http://circ.ahajournals.org/content/circulationaha/early/2013/02/19/CIR…

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