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Können wir uns selbst vertrauen, wenn wir in der Lage sind, das Genom zu editieren?

18. Mai 2018

Die Genom-Editierung könnte eines der wichtigsten Werkzeuge zur Behandlung von Krankheiten werden. Wird sie auch unsere Definition des „Menschseins“ verändern?

Einer der denkwürdigsten Momente in Steven Spielbergs Dinosaurier-Blockbuster Jurassic Park von 1993 ist die angespannte Unterhaltung von Wissenschaftlern, die sich beim gemeinsamen Abendessen die Frage stellen, inwiefern der Einsatz von Gentechnik im Park ethisch ist. Den treffendsten Kommentar gibt Jeff Goldblum als Chaostheoretiker Ian Malcolm ab:

„Die Genetik stellt die gewaltigste Macht dar, die der Planet je gesehen hat. Aber Sie spielen damit herum wie ein Kind, das die Pistole seines Vaters gefunden hat. Ihre Leute waren nur darauf konzentriert, ob sie es schaffen können. Ob sie es tun sollten, fragte sich keiner.“

Das war 1993. Seit damals ist die Genforschung deutlich vorangekommen. Das Schaf Dolly war 1996 das erste vollständig geklonte Tier. Die komplette Entschlüsselung des menschlichen Genoms gelang 2003.

Im November 2017 wurde der neueste Meilenstein in unserer zunehmend engen und komplexen Beziehung zu unseren Genen erreicht: Dem 44-jährigen Kalifornier Brian Madeux wurden Kopien eines Korrekturgens injiziert, um eine Heilung von Morbus Hunter zu erzielen. Mit der Injektion sollte das Erbgut von Madeux direkt korrigiert werden, indem fehlerhafte Teile des Genoms herausgeschnitten wurden und die Teile wieder korrekt zusammensetzt wurden.

Sollte sich die Behandlung als erfolgreich erweisen, bedeutet das einen großen Fortschritt in der medizinischen Anwendung der Genom-Editierung. Doch öffnen wir durch solche Ansätze die Büchse der Pandora? Sollten wir jetzt, wo solche medizinischen Eingriffe möglich sind, nicht innehalten und uns fragen, ob wir diese auch wollen?

Genveränderungen – betreffen sie (nur) uns oder auch künftige Generationen?

Zunächst einmal müssen wir zwei verschiedene Arten der Genom-Editierung unterscheiden: die somatische Anwendung und die Anwendung in der Keimbahn.

Alle mehrzelligen Organismen besitzen zwei verschiedene Zellarten: Körperzellen (somatische Zellen) und Keimzellen. Der Großteil des Körpers – Haut, Haar, Blut und Organe – besteht aus somatischen Zellen. Keimzellen wiederum sind reproduktive Zellen: Sie können sich bei der Befruchtung mit einer anderen Zelle vereinigen und zu einem Embryo entwickeln.

Die somatische Editierung, mit der beispielsweise Madeux geheilt werden soll, ändert mittels einer Art Präzisionschirurgie Gene nur in einem bestimmten Teil des menschlichen Körpers. Dabei handelt es sich zweifelsohne um ein spannendes Feld der Biotechnologie.

Casebia beispielsweise, ein Joint Venture zwischen Bayer und CRISPR Therapeutics, möchte mit den Techniken der somatischen Zelleditierung einige der weltweit drängendsten medizinischen Herausforderungen meistern – wie etwa die Heilung von Krankheiten, für die es keine herkömmliche Therapie gibt.

Dazu zählt Blindheit, die in den meisten Fällen genetisch bedingt ist. Blindheit kann auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sein – von der Makuladegeneration (dem Zerfall der Makula, einem kleinen, aber entscheidenden Bereich inmitten der Netzhaut) bis hin zur Retinitis pigmentosa (dem Zerfall und Verlust der Zellen in der Netzhaut). Beide Krankheiten sind jeweils das Ergebnis hunderter genetischer Mutationen, die wir erst jetzt zu verstehen beginnen.

Mit der somatischen Editierung können Gentechniker diese Gene präzise identifizieren und Schritte ergreifen, um sie zu korrigieren. Auch wenn die medizinische Anwendung der Genom-Editierung zuerst bei Krankheiten mit einer monogenetischen Ursache stattfinden wird, birgt diese Technik das Potenzial, die Menschheit von Erkrankungen zu erlösen, von denen unsere Spezies seit Anbeginn betroffen ist.

Die Editierung in der Keimbahn ist vergleichsweise ein komplizierteres – und viel kontroverseres – Thema.

„Manches geht für mich in Richtung Eugenik, könnten Eltern sich genötigt fühlen, ihre Genmutationen aus gesellschaftlichen Überlegungen zu beseitigen und so Stigmatisierungen und soziale Disparität verstärken.“

– Professor Ernst-Ludwig Winnacker, früherer Generalsekretär der Human Frontier Science Program Organization

Das Problem mit der Keimbahn

Bei der Editierung in der Keimbahn werden Gene verändert, deren genetische Informationen in allen Zellen ein Körpers wiederholt würden, die nach der Genmodifikation reproduziert werden. Das bedeutet, dass die Veränderung weitergegeben würde: an die künftigen Kinder des Patienten und an deren Kinder – und letztlich vielleicht sogar an die ganze Menschheit.

Da sich die Editierung in der Keimbahn nicht nur auf die Betroffenen, sondern möglicherweise auch auf kommende Generationen auswirkt, wirft sie erheblich mehr ethische Fragen auf. Diese lassen sich in drei Hauptbereiche gruppieren:
 

1) Zustimmung

Künftige Generationen haben kein Mitspracherecht, was die Editierung ihrer vererbbaren Gene betrifft. Ist es überhaupt ethisch vertretbar, dass wir ohne Zustimmung der Betroffenen so folgenschwere Änderungen am Erbgut durchführen? Ist es das Erbgut, was das Menschsein ausmacht? Diese Frage stellt sich insbesondere, weil etwaige modifizierte Gene nicht nur an unsere Kinder, sondern auch an deren Kinder und Kindeskinder endlos weitervererbt werden.

Das würde bedeuten, dass eine heute getroffene, medizinische Entscheidung das Leben von Menschen beeinflusst, die noch gar nicht geboren sind – mit nicht vorhersehbaren Folgen.

2) Komplexität

Auch wenn wir erhebliche Fortschritte in der humangenetischen Forschung erzielt haben, ist die Genom-Editierung noch keine vollkommen genaue Wissenschaft. Genome sind komplexe Systeme: Es besteht eine Wechselwirkung zwischen allen Genen innerhalb eines Genoms und wir wissen noch nicht genau, wie sich die Änderung eines Gens auf die anderen auswirkt.

Die echte Herausforderung liegt darin, dass manche genetischen Eigenschaften auf der Zusammenarbeit vieler verschiedener Gene beruhen. Das erschwert nicht nur die präzise Genom-Editierung, sondern birgt auch die Gefahr, dass sich negative, unerwartete Merkmale ausbilden.

„Autismus, Schizophrenie u. ä. besitzen vererbliche Komponenten, wobei diese auf dem Zusammenspiel von Hunderten von Genen gründen“, so Professor Ernst-Ludwig Winnacker, früherer Generalsekretär der Human Frontier Science Program Organization und ehemaliges Mitglied des nationalen deutschen Ethikrates. „Diese Zusammenhänge sind uns noch überhaupt nicht klar. Niemand kann in allen Details vorhersagen, was passiert, wenn Veränderungen am Genom vorgenommen werden. Deshalb sind Experimente an der Keimbahn so gefährlich.“

Die Frage der Komplexität stellt sich zwar auch bei manchen Anwendungen der somatischen Editierung, doch hier lässt sich das Editieren schrittweise durchführen, so dass die Ärzte unerwartete Genexpressionen erkennen und korrigieren können. Diese Optionen existieren beim Editieren in der Keimbahn nicht. „Es könnte unbeabsichtigte Folgen geben“, so Professor Winnacker. Sobald die Keimbahn einmal editiert wurde, gibt es für die Erben dieser Gene kein Zurück mehr. „Bei der Fortpflanzung gibt es keine kleinen Schritte. Es gibt nur einen großen: ein Baby.“

3) Gesellschaftliche Risiken

Die Fähigkeit, die embryonale Keimbahn präzise zu editieren, könnte auch neue Probleme mit sich bringen – vor allem was die Frage betrifft, welche Vorstellung wir von uns Menschen als Individuum und Teil der Gesellschaft haben. Professor Winnacker: „Eine echte Sorge ist die Entstehung einer Zweiklassengesellschaft: Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die sich eine Editierung in der Keimbahn leisten können – falls dieses Vorhaben jemals konkret funktioniert – und auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die das nicht können“.

Zu Beginn geht es vielleicht noch um den Versuch, eine gefährliche Erkrankung auszurotten. Doch die Grenzen dessen, was beim Editieren vertretbar ist, könnten immer weiter verschoben werden, bis es sich um Dinge wie Größe, Gewicht oder Augenfarbe dreht. „Manches geht für mich in Richtung Eugenik“, so Professor Winnacker. Damit verweist er auf die extrem kontroverse Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die zum Aufkommen des Faschismus beitrug. Würde die Veränderung persönlicher Merkmale auf Genebene zugelassen, warnt Winnacker, „könnten Eltern sich genötigt fühlen, ihre Genmutationen aus gesellschaftlichen Überlegungen zu beseitigen und so Stigmatisierungen und soziale Disparität verstärken.“

Wie dem auch sei: Wenn die Genom-Editierung in die falschen Hände gerät, so wird das unsere Vorstellung dessen, was ein Mensch ist, von Grund auf verändern.

Die Zukunft der Menschlichkeit schützen

Diese ethischen Debatten waren früher auf spekulative Romanliteratur beschränkt. Doch je mehr die Genom-Editierung aus der Science-Fiction in echten Labors Einzug hält, desto wichtiger wird es, die moralischen Grenzen der Wissenschaft zu definieren.

Im Dezember 2015 beschloss der International Summit on Human Gene Editing, in dessen Gremium Professor Winnacker saß, dass ein Moratorium zur „Erbgutveränderung in Keimzellen oder Embryonen, die alle Zellen eines resultierenden Kindes in sich tragen werden und die als Teil des menschlichen Genpools an nachfolgende Generationen weitergegeben werden“, notwendig wäre, damit sich die Technologie in verantwortlicher Weise weiterentwickelt. Der Kongress war von naturwissenschaftlichen Hochschulen in den Vereinigten Staaten, im Vereinigten Königreich und in China organisiert worden.

In welchem Maß diese Empfehlungen übernommen wurden, ist international unterschiedlich. Tatsächlich variieren die Gesetze und Richtlinien zur zulässigen Forschung in der Keimbahn bzw. im Erbgut weltweit erheblich. Bislang haben 40 Länder Gesetze erlassen, die Modifikationen in der Keimbahn beschränken oder verbieten. Manche Länder verbieten jegliche Forschung; andere erlauben Forschung nur im Labor, aber keine Schwangerschaften; wiederum andere haben keinerlei Vorschriften erlassen.

Die Genom-Editierung birgt ein enormes Potenzial – im Guten wie im Bösen. Damit wir die immensen Vorteile nutzen können, welche die Genom-Editierung verspricht, müssen wir zu einem ethischen, wissenschaftlichen Konsens gelangen. Manchmal gibt es einfach zu viele Dinge, die wir über so komplexe Systeme wie die Humangenetik und die Fortpflanzung nicht wissen. Bevor wir die Forschung vorantreiben, nur weil wir theoretisch die Möglichkeit dazu haben, müssen wir uns fragen, ob das überhaupt angezeigt ist.

 

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